Mit neuem Konzept Wege für die Konzertierte Aktion aufzeigend

Rückblick auf den 10. Nieder­rheinischer Pflegekongress in Neuss

„In den vergangenen Jahren ist sehr viel über die Pflege geredet worden, aber wenig mit der Pflege“, lud Sascha Rehag das Auditorium bei der Begrüßung dazu ein, sich aktiv zu den Brennpunkten in der Pflegeszene einzubringen. „Das möchten wir ändern und den Pflegenden, die an der Basis zum Beispiel den Personalmangel direkt miterleben, eine Stimme geben“ wies der 43-jährige Organisator auf die neue und insbesondere interaktive Ausrichtung der Veranstaltung in der Neusser Stadthalle hin. Die rund 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer erarbeiteten in Workshops, Diskussionsrunden und World Cafés selbst Lösungen zu den Themen Personal, Fachlichkeit und Digitalisierung. Der besondere Akzent: diese Ergebnisse wurden in einem grafischen Thesenpapier zusammengefasst und nun an das Gesundheits-, Familien- und Arbeitsministerium übergeben, mithin jenen drei Ministerien, die im Rahmen der „Konzertierten Aktion“ die Rahmenbedingungen in der Pflege nachhaltig verbessern sollen.

Politik und Pflege müssen hierzu gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen sorgen, um den Fachkräftemangel in den Griff zu bekommen. Hierzu drängen sowohl die aktuelle Situationen, als auch die Zeit, sind doch beinahe alle Kliniken und Pflegeeinrichtungen mit Personalengpässen konfrontiert. „Vorhandene Stellen können nicht besetzt werden, der Krankenstand ist hoch, viele Pflegekräfte wechseln aufgrund der hohen Belastung ihren Arbeitsplatz“, hielt Marcel Görtz von „Great Place to Work“ fest. „Oft kann aufgrund von Personalausfällen nur noch eine Minimal-Pflege geleistet werden“, beklagte auch Andrea Albrecht, Pflegedirektorin am Lukaskrankenhaus in Neuss. „Die Fachlichkeit der Pflege kommt dabei deutlich zu kurz.“

Von Digitalisierung bis Wertschätzung

Offensichtlich wurde: „Es braucht ein umfassendes Maßnahmenpaket, um die Personalsituation in der Pflege zu verbessern“, fasste Sascha Rehag (Fokus:Pflege) die Ergebnisse des Kongresses zusammen. Dazu gehören eine bessere Vergütung, flexible Arbeitszeitmodelle, sichere Dienstpläne, stärkere Mitspracherechte der Mitarbeiter, eine wertschätzende Führung, Imagekampagnen für die Pflege sowie Investitionen in Bildung.

Auch die Digitalisierung bietet eine wichtige Chance. „IT und Robotik können Menschen zwar definitiv nicht ersetzen“, räumte Bernhard Breil, Professor für Gesundheitsinformatik, ein. „Aber sie können die Arbeitsorganisation verbessern und Pflegende entlasten.“ Ein innovatives Beispiel sei beispielsweise eine App, die einen selbstorganisierten Dienstplan-Tausch unter den Mitarbeitern ermöglicht. Auch technische Assistenzsysteme könnten eine wertvolle Unterstützung sein.

Wichtig sei zudem, bei der Mitarbeiterführung alle Generationen im Blick zu haben, betonte Antje-Britta Mörstedt, Professorin für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre an der Privaten Hochschule Göttingen. Gerade die Generation Z, also die nach 1995 geborenen Jugendlichen, benötigten heute eine ganz andere Führungskultur. Für sie spielen Mitspracherechte, eine langfristige Planbarkeit der Dienste und eine kollegiale Arbeitsatmosphäre eine besondere Rolle. Dabei gelte es, die anderen Generationen ebenfalls im Auge zu behalten. „Wir dürfen keinen Mitarbeiter verlieren“, sagte Mörstedt, „wir brauchen ein gutes Generationenmanagement.“

Neben dem veränderten Programmkonzept gab es in diesem Jahr auch drei neue Kooperationspartner: Die AAL Akademie, Great Place to Work und die Hochschule Niederrhein unterstützten und begleiteten die Veranstaltung maßgeblich mit. Fortsetzung in den relevanten Themen, die der pflege auf den Nägeln brennen, folgt.

Graphic Recordings

Ergebnisse aus den Workshops


Fokus:Personal

Ergebnisse aus den Gruppen der vier Themeninseln rund um das Thema Personal

Hintergrund: Fortbildungen und Kongressbesuche können in Zeiten des Pflegemangels immer häufiger nicht stattfinden. Wie kann das erforderliche Fachwissen dennoch vermittelt und aufrechterhalten werden?

Einig waren sich die Teilnehmer, dass Lernen heute nach dem Baukastenprinzip stattfinden sollte, das heißt, in einem Mix von Präsenzveranstaltungen und digitalen Fortbildungen. Hier äußerten Teilnehmer auch den Wunsch, stärker selbstbestimmt, also unabhängig von Zeit und Ort, lernen zu können. Deutlich wurde hervorgehoben, dass Teambesprechungen und kollegiales Lernen weiter eine hohe Priorität haben.

Bei der Bildung der Mitarbeiter geht es aber nicht allein um die fachliche Weiterbildung, waren sich die Teilnehmer einig. Eine wichtige Rolle spielt die individuelle Personalentwicklung, bei der eine gezielte Karriereplanung angeboten und diese vom Arbeitgeber unterstützt wird.

Bildung sollte in der Pflege als Priorität erkannt und refinanziert werden, zum Beispiel über einen eigenen Bildungstopf. Auch wünschen sich die Teilnehmer finanzielle Anreize, damit sich Bildungsmaßnahmen stärker für sie lohnen.

Der Hintergrund: In Nordrhein-Westfalen (NRW) wird in Kürze eine Befragung zur beruflichen Interessenvertretung stattfinden: Pflegekammer, Pflegering – oder keine Interessenvertretung für die Pflege in NRW?

In beiden Gruppen diskutierten die Teilnehmer lebhaft über das Thema Pflegekammer. Insgesamt kannten die meisten sich mit den Rahmenbedingungen einer Kammer bereits gut aus, weniger bekannt war der Pflegering. Allerdings handelt es sich bei den Teilnehmern des Niederrheinischen Pflegekongresses auch um Menschen, die sich für den Beruf und politische Entwicklungen interessieren.

Ein Aspekt, der weniger bekannt war, ist, dass eine Pflegekammer auch dem Schutz der Bevölkerung dient. Sie definiert Qualitätsstandards, entwickelt die Ausbildungs- und Weiterbildungsordnung etc.

Als ein wichtiges Ergebnis der Gruppen ist festzuhalten: Die Diskussionen zur Pflegekammer müssen vor Ort in den Kliniken und Pflegeeinrichtungen weitergeführt werden. Hier ist oft noch viel Unkenntnis vorhanden.

Der Hintergrund: Der Fachkräftemangel in der Pflege ist immens. Wird jemand aus dem Pflegeteam krank, bricht das System leicht zusammen. Der Pflegemangel geht so weit, dass einige Einrichtungen bereit sind, für die Stellenbesetzung einer OP-Pflegefachkraft 25.000 Euro zu investieren. Welche Chance bietet eine flexible Arbeitszeitgestaltung, zum Beispiel über einen Mitarbeiterpool, um Mitarbeiter zu binden?

Ein Ergebnis der Gruppenarbeiten war, dass im Moment eine sehr gute Zeit ist, um neue, kreative Ideen zu entwickeln und diese dem Management vorzustellen. Eine Möglichkeit kann die Flexibilisierung der Arbeitszeit sein, zum Beispiel in Form eines Mitarbeiterpools. Aber auch andere Wege sind denkbar. Kliniken und Pflegeeinrichtungen können beispielsweise Kooperationen schließen und gemeinsam nach innovativen Lösungen suchen.

Der Hintergrund: Einrichtungen, die als attraktive Arbeitgeber wahrgenommen werden, finden leichter neue Mitarbeiter und können vorhandene besser halten. Doch wie gelingt es, eine gute Arbeitsplatzkultur zu entwickeln?

Die beiden Aspekte, die die beiden Gruppen am stärksten thematisierten, waren der Personalmangel und die fehlende Wertschätzung. Die Teilnehmer erarbeiteten Vorschläge, welche Faktoren eine gute Arbeitsplatzkultur auszeichnen. Dazu gehören eine leistungsorientierte Vergütung, flexible Arbeitszeitmodelle, Dienstplansicherheit, Führungskräfteentwicklung etc.

Auch Einrichtungen können hier eine Menge leisten, indem Führungskräfte Wertschätzung vermitteln und die Mitspracherechte der Mitarbeiter stärken. Als entscheidender Aspekt wurde hier die richtige Haltung der Führungskräfte hervorgehoben.


Fokus:Digitalisierung

Ergebnisse aus den Gruppen rund um das Thema

Die Digitalisierung bietet für Pflegeeinrichtungen Chancen: Eine gute Technikausstattung könnte das Image der Pflegeberufe steigern. Sie kann helfen, Informationen schnell zu erhalten und mit Kollegen zu teilen (Vernetzung). Wichtig ist dabei das Wissensmanagement zu steigern und die Akzeptanz der Mitarbeiter zu verbessern.

Die Digitalisierung bietet auch aus Sicht der Politik wertvolle Chancen: Sie kann helfen, dass sich die Berufsgruppen untereinander besser vernetzen (auch Altenpflege und Krankenpflege).

Wichtig wäre es, das eHealth-Gesetz auf die Pflege zu erweitern. Auch sollten IT-Kompetenzen ins Curriculum aufgenommen werden. Zu bedenken ist jedoch, dass die aktuellen Datenschutzbestimmungen die Digitalisierung der Pflege erschweren/hemmen. Auch fehlen politische Anreize, hier aktiv zu werden.

Die Digitalisierung bietet auch aus Sicht der Pflegenden große Chancen: Sie macht Informationen für alle verfügbar, sorgt für einen gleichen Wissensstand, Daten können archiviert werden, Mitarbeiter können sich vernetzen. Wichtig ist dabei, dass die Patienten (und nicht die IT-Systeme) im Mittelpunkt stehen; es braucht also eine patientenorientierte Digitalisierung.

Als Risiken/Hemmnisse sind zu sehen, dass IT-Systeme häufig wenig anwenderfreundlich sind. Auch befürchten viele Pflegenden eine Technikabhängigkeit. Gerade ältere Generationen haben mit neuen IT-Systemen häufig Probleme.


Fokus:Fachlichkeit

Ergebnisse aus den Gruppen zum Thema Wissenschaft und Praxis im Dialog

Hintergrund: Die Situation ist für Pflegeexperten in den Kliniken und Pflegeeinrichtungen nicht einfach. Es fehlt an Wertschätzung und Anerkennung, sowohl von der eigenen Berufsgruppe als auch von den Ärzten.

Es braucht Zeit und Personal, um eine Fachlichkeit zu entwickeln und in die Praxis zu bringen. Dabei spielt die Rückendeckung durch das Management eine wichtige Rolle. Es braucht aber auch die Anerkennung der pflegerischen Fachlichkeit durch andere Berufsgruppen. Dazu gehört auch ein Austausch mit den Ärzten „auf Augenhöhe“.

Hintergrund: Die Bedeutung der Beratung nimmt zu, wird aber oft nicht gesehen und wird derzeit auch nicht bezahlt.

Die professionelle Beratung in der Pflege muss eine abrechenbare Leistung werden. Auch sollte das benötigte Fachwissen ausgebaut werden. Häufig wird heute von Kontinenzzentren gesprochen. Hier muss klar definiert werden, welche fachliche Expertise der Mitarbeiter vorliegen muss und Kriterien zu erstellen, was ein solches Zentrum ausmacht.

Zu berücksichtigen ist zudem eine angemessene Ausstattung mit Hilfsmitteln. Die professionelle Beratung kann noch so gut sein – sie fruchtet nur, wenn die richtige Ausstattung mit Hilfsmitteln gewährleistet ist.

Hintergrund: s. Expertenstandard Förderung der Harnkontinenz in der Pflege.

Der Patient ist als Experte in eigener Sache wahrzunehmen. Von pflegerischer Seite wird ausreichend gut qualifiziertes Personal unterschiedlicher Qualifikationsniveaus benötigt. Wichtig ist, dass die Fachkompetenz der Pflegenden anerkannt wird. Auch bedarf es kontinuierlicher Fortbildungen und Begleitung sowie pflegewissenschaftliche Forschung.

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